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Ursachen für suchtmittelbedingte gesellschaftliche Belastungen: Warum das 4-M-Modell den Unterschied macht

08. Juli 2026

Der Konsum von Suchtmitteln – ob legal oder illegal – verursacht in der Schweiz gesellschaftliche Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Doch wenn es um die Ursachen dieser Belastungen geht, steht meist nur eine Gruppe im Fokus: die abhängigen Menschen. Das zeigt sich auch in den gängigen Modellen zur Entstehung von Substanzabhängigkeiten, die auf den Arbeiten von Kielholz & Ladewig (1973) sowie Feuerlein (1979) basieren. Diese Modelle erklären Abhängigkeit anhand von drei zentralen Faktoren – den sogenannten „3 M“:

  • Mittel (Wirkung der Substanz)
  • Mensch (persönliche Dispositionen)
  • Milieu (gesellschaftliches Umfeld)

Doch diese Modelle haben zwei entscheidende Schwächen, die die suchtpolitische Diskussion bis heute prägen:

1. Der Fokus auf Abhängigkeit verdeckt die Realität

Die 3-M-Modelle betrachten Sucht primär als Krankheitsbild und richten den Blick auf abhängige Menschen. Das mag für die therapeutische Arbeit hilfreich sein – für den gesellschaftspolitischen Diskurs greift es jedoch zu kurz:

  • Der grösste Teil der alkoholbedingten gesellschaftlichen Kosten wird von nicht-abhängigen Konsumierenden verursacht.
  • Auch bei illegalen Drogen entstehen hohe Kosten (z. B. für Polizei und Justiz) nicht primär durch Abhängige, sondern durch alle Konsumierende.
  • Ausnahme: Beim Nikotinkonsum ist das Suchtpotenzial so hoch, dass nicht-abhängige Konsumierende eine kleine Minderheit darstellen.

2. Der Markt als blinder Fleck

Der Konsum legaler Suchtmittel wie Alkohol und Tabak ist nicht nur ein Gesundheits-, sondern vor allem ein wirtschaftspolitisches Thema. Grosse Teile der Gesellschaft und der Politik betrachten Alkohol- und Tabakkonsum primär als landwirtschaftliche oder wirtschaftliche Fragestellung. Entsprechend werden gesetzliche Rahmenbedingungen oft aus dieser Perspektive gestaltet.

Dies zeigt, wenn der Markt als Einflussfaktor in den Erklärungsmodellen fehlt, wird ein zentraler Treiber der gesellschaftlichen Belastungen ignoriert.

Den Markt konsequent als wichtigen Einflussfaktor mitdenken

Die Suchtmittelindustrie hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt. In ihren traditionellen Märkten sinken die Konsummengen – doch die Branche kompensiert dies durch:

  • Erschliessung neuer Kundengruppen (z. B. gezielte Ansprache von Frauen und Kindern in industrialisierten Ländern (vgl. Marketingkonzept von Bitburger) oder Märkte ohne Tradition im Alkohol-/Tabakkonsum (vgl. WHO Global Status Report on Alcohol 2018).
  • Neue Produkte (Alcopops, E-Zigaretten, neue Biersorten).
  • Intensive Marketingstrategien (Sponsoring an Musikfestivals, Produktplatzierung in Filmen, Influencer-Marketing in sozialen Medien).
  • Lobbyismus (z. B. Wahlkampfspenden der Tabaklobby an FDP und SVP in der Schweiz oder die massive Förderung des Schweizer Weins als wirtschaftspolitisches Instrument).

Hinter diesen Strategien stehen nicht einzelne Winzer oder lokale Kleinbrauereien, sondern internationale Konzerne, die gezielt Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen. Der Suchtmittelkonsum ist ausserhalb des Gesundheitssektors vor allem eine Frage von Absatz und Konsummarkt – und genau das muss in der gesundheitspolitischen Diskussion konsequent mitgedacht werden.

Der Markt als vierter Faktor des Suchtmittelgebrauchs

Um den Suchtmittelkonsum ganzheitlich zu verstehen, muss der Markt als viertes „M“ in die Betrachtung einbezogen werden. Das 4-M-Modell des Suchtmittelkonsums sieht daher wie folgt aus:

 4 M Modell

Wirksame Strategien müsssen den Markt als Einflussfaktor berücksichtigen

Die Identifizierung des Marktes als viertes „M“ bietet eine begründete Basis für zielgerichtete Suchtmittelstrategien. Denn:

Wir können die gesellschaftlichen Folgen des Suchtmittelkonsums nicht reduzieren,
wenn wir uns auf die traditionellen drei Faktoren – Mittel, Mensch, Milieu – beschränken.

Erst der Einbezug des Marktes und die Formulierung marktbezogener Ziele macht eine Suchtmittelstrategie wirklich wirksam.

 

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