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Volkswirtschaftliche Kosten des Suchtmittelkonsums

12. Mai 2023

Volkswirtschaftliche Kosten des Suchtmittelkonsums - ein gängiges Argument in der suchtpolitischen Diskussion

In der gesundheitspolitischen Diskussion werden die entstehenden Kosten eines potentiell gesundheitsschädigendes Verhaltens gerne als Argument für eine verstärkte Prävention verwendet. So entstehen dann Aussagen wie, dass der ROI (Return On Investment) von Präventionsmassnahmen erheblich sei und deshalb in die Prävention investiert werden soll.

Am Beispiel des Alkoholmissbrauchs möchte ich in diesem Blogbeitrag die Problematik dieser Argumentation aufzeigen, wobei ich persönlich davon überzeugt bin, dass die Alkoholprävention und noch stärker gute Alkoholpolitik die gesellschaftlichen Kosten deutlich senken könnten.

Wie werden volkswirtschaftliche Kosten berechnet?

Es gibt unterschiedliche Methoden, um die volkswirtschaftlichen Kosten zu berechnen. Im Normalfall wird zwischen folgenden Kostenarten unterschieden:

  • Direkte Kosten werden direkt vom untersuchenden Gegenstand/Verhalten verursacht. Also z.B. direkt durch die Alkoholabhängigkeit oder den Alkoholmissbrauch. Darunter fallen z.B. Kosten des Gesundheitswesens oder der Strafverfolgung. Aber auch die Kosten von alkoholbedingten Unfällen.
  • Indirekte Kosten entstehen durch die Folgen des untersuchten Gegenstandes / Verhalten für die Gesellschaft und müssen häufig angenommen werden. Darunter fallen z.B. Produktivitätsverluste durch Mortalität oder Morbidität.
  • Intangible Kosten bezeichnen die in Franken umgerechneten Belastungen des untersuchenden Gegenstandes / Verhaltens auf das aktive Individuum und dessen soziales Umfeld. Also z.B. physische und psychische Belastungen der Familie, das Co-Abhängige Verhalten von Arbeitskollegen.

Für die Schweiz wurden in den letzten 25 Jahren verschiedenste Kostenstudien erstellt:

Doch wie aussagekräftig sind solche Kostenberechnungen?

Wenn Forschende versuchen, die Folgekosten eines Verhaltens zu beziffern, ist der erste Schritt jeweils zu definieren, was denn alles zu diesen Kosten gehört. Dabei stellen sich den Forschenden zwei Herausforderungen: Welche Folgen können überhaupt monetarisiert (in Geldbeträgen beziffert) werden und welche Folgenkosten können in welchem Umfang einem Verhalten zugeordnet werden:

  • Wenn ein Kind mit einem starken Fetalen Alkoholsyndrom geboren wird und deshalb lebenslang unter den Folgen zu leiden hat, ist dies zweifelsfrei die Folge des Alkoholmissbrauchs der Eltern. Der Zusammenhang ist klar, nur wie soll diese Beeinträchtigung in Geldwerten ausgedrückt werden? Ist ein beeinträchtigtes Lebensjahr 10'000.00 Franken oder 100'000.00 Franken wert? Es ist offensichtlich, dass solche Abwägungen problematisch sind und zu keinem genauen Ergebnis (im Sinne einer klaren Zahl, eines eindeutigen Geldbetrags) kommen können.
  • Dass Alkoholkonsum (jegliche Menge) den Körper schädigt, ist unbestritten. Dabei gibt es Krankheiten (z.B. die Diagnose nach ICD-10, K70.n Alkoholische Leberkrankheit), bei welchen der Alkoholmissbrauch ursächlich und vollumfänglich verantwortlich ist, während bei anderen Krankheiten (z.B. Krebserkrankungen) der Alkoholkonsum das Risiko deutlich erhöht, an einer solchen zu erkranken. Nun gilt es für die Forschenden bei der Alkoholfolge-Kostenberechnung, die Kosten z.B. einer Brustkrebserkrankung anteilig so aufzuschlüsseln, dass das zusätzliche, alkoholbedingte Risiko entsprechend abgebildet wird. 
    Dieses zuordnenbare, alkoholbedingte Risiko einer Krankheit zu berechnen, ist nicht einfach und noch für längstens nicht alle Krankheiten ist dieses bekannt.
  • Neben den direkten medizinischen Kosten aufgrund von alkohol(mit)verursachten Krankheiten gibt es natürlich viele weitere Kosten, welche der Alkoholmissbrauch verursacht: In der Arbeitswelt durch Absenzen oder Produktionsausfälle, im Strassenverkehr, Unfälle jeglicher Art usw.. Auch hier gibt es Kostenschätzungen, die aber auch grosse Ungenauigkeiten aufweisen.

Wird nun die Methodik der Kostenberechnungen für die Schweiz verglichen, stellt man schnell fest, dass sehr unterschiedliche Kostenarten einbezogen wurden. Man kann also nicht davon reden, dass hier eine exakte Kalkulation im Sinne einer Kostenrechnung wie wir sie aus einem Unternehmen kennen, betrieben wird. Deshalb geben die Resultate nach meiner Einschätzung eher eine Grössenordnung denn eine genaue Kostenbezifferung wieder. So oder so sind die Ergebnisse in der Höhe von 0,5 bis 1.0 % des Bruttoinlandproduktes eindrucksvoll.

Konsequenz für die suchtpolitische Diskussion: mein Vorschlag

Heute dreht sich die suchtpolitische Diskussion häufig um die abhängigen Menschen. Dies ist für die für die Suchtpolitik Verantwortlichen sehr einfach, da abhängige Menschen je nach Sichtweise einem bestimmten Menschentyp entsprechen und damit die eigene (politische) Überzeugung bestärkt werden kann. Allerdings verursachen die alkoholmissbrauchenden Menschen (zwischen 10 und 15% der alkoholkonsumierenden Bevölkerung) sehr viel mehr menschliches Leid und belasten die Gesellschaft sehr viel stärker als die Alkoholkranken in unserer Gesellschaft: Man muss nicht alkoholkrank sein, um einen Unfall unter dem Einfluss von Alkohol zu verursachen oder jemand anderem psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt anzutun. Auch sind viele Menschen, die eine alkoholbeeinflusste Krankheit haben, nicht alkoholabhängig. Deshalb ist ein erster wichtiger Schritt, den Fokus in der suchtpolitischen Diskussion auf den Alkoholmissbrauch zu lenken - und so sehr viel mehr Menschen zu (Mit-)Betroffenen zu machen.

Alkoholmissbrauch verursacht in unterschiedlichsten Bereichen grosse Schäden und somit auch Kosten: Vom Gesundheitswesen über Straftaten, in der Arbeitswelt oder in der Familie. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob es nun zwei, fünf oder gar zwölf Milliarden Franken gesellschaftliche Kosten sind. Je nach Berechnungsart kann man fast zu jeder Summe kommen. Wichtiger für die Diskussion ist vielmehr, aufzuzeigen, in wie vielen Bereichen Alkoholmissbrauch die einzelnen Menschen sowie die Gesellschaft insgesamt belastet. Dies aufzuzeigen ist eindrücklich genug, um die richtigen alkoholpolitischen Entscheidungen zu treffen.

Stärker mit dem Verursacherprinzip argumentieren und damit eine Alkoholsteuer einzufordern, die in einem vernünftigen Verhältnis zu den gesellschaftlichen Belastungen durch den Alkoholkonsum steht.

Nicht die vermeindlichen Verursachenden (die Alkoholkranken) in den Fokus setzen, sondern die Opfer des verbreiteten Alkoholmissbrauchs. Geben wir diesen Menschen eine Stimme und hören wir ihnen zu.

Leisten wir konsequent den Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis. Seit vielen Jahren ist bekannt, welche alkoholpolitischen Massnahmen wirklich zu einer Senkung der individuellen und gesellschaftlichen Belastungen durch den Alkoholmissbrauch beitragen und es gibt tolle Beispiele wie konsequente Alkoholpolitik wirklich einen Wandel herbeiführen kann.

Die suchtpolitische Diskussion aktiv gestalten - ich unterstütze Sie dabei

Über 25 Jahre durfte ich die suchtpolitische Diskussion aktiv verfolgen und teilweise mitgestalten: Dabei war ich auf allen föderalen Ebenen der Schweiz und in Deutschland sowie für internationale Organisationen (u.a. WHO und EU) tätig. Gerne unterstütze ich Sie mit meiner Expertise von der Konzeptionierung über die Umsetzung bis hin zur Evaluation. Suchtpolitik war immer eine Herzensangelegenheit von mir und ist es auch heute noch. Lassen Sie uns gemeinsam etwas bewegen - zum Wohle unserer Mitmenschen und unserer Gesellschaft. 

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