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Forschung - Praxis Gap

26. Juni 2023

Der Forschungs-Praxis-Gap - häufig thematisiert aber immer noch ausgeprägt vorhanden

Beim Schreiben meiner Dissertation wurde mir immer deutlicher bewusst, dass es eine grosse Lücke zwischen dem theoretischen Wissen der Forschung und der Umsetzung in der Praxis gibt. Nach 25 Jahren Führungserfahrung in der Praxis und bald 10 Jahren Tätigkeit an verschiedenen Fachhochschulen komme ich zum Schluss, dass dieser Gap systemisch bedingt ist und wir dringend Veränderungen vornehmen müssen, wenn die Millionen resp. Milliarden, welche wir in die Forschung/Entwicklung von Hochschulen investieren, einen optimalen Nutzen erlangen sollen.

Hochschule und Praxis zwei Welten mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen 

In der Praxis habe ich es erlebt, dass theoretische Grundlagen in Form von konkreten Umsetzungsinstrumenten gerne genutzt werden (z.B. Das BusinessProzessModell, welches Anleihen an der Wertkette von Michel Porter nimmt). Allerdings muss die theoretische Grundlage so für die Praxis aufbereitet werden, dass sie direkt angewandt werden kann. Für Entwicklungs- oder Transferleistungen von der Theorie in die Praxis fehlt den Verantwortlichen in der Praxis meistens die Zeit (Tagesgeschäft drängt).

Die Forschung/Entwicklung wiederum arbeitet primär für die Forschungscommunity: Publikationen haben dann einen hohen Wert und sind für die Karriere relevant, wenn sie auf englisch und in entsprechend renommierten Fachzeitschriften publiziert werden. Nur, diese Zeitschriften sind für die Entscheidungstragenden der Praxis kaum zugänglich. Ja, ich musste die Erfahrung machen, dass Leitungspersonen keine aktuellen englischsprachigen Fachzeitschriften lesen.

Somit kommen Erkenntnisse aus der Forschung kaum in der Praxis an.

Zielkonflikte für die betroffenen Forschenden und Führungskräfte

Forschende an Hochschulen müssen bezüglich Kommunikation ihrer Ergebnisse einen hohen, internationalen Standard einhalten, damit sie überhaupt die Möglichkeit erhalten, in internationalen Fachzeitschriften zu publizieren. Allerdings erhalten sie bei Forschungsaufträgen vielfach keine Mittel für diese Publikationen. Das Publizieren wird als "privates Engagement zur Karriereförderung" angeschaut. Zudem wird in den wenigsten Forschungsmandaten der Transfer in die Praxis explizit vorgesehen und auch vergütet. Somit gibt das System, in welchem sich Forschende bewegen, keinen Anreiz, Forschungsergebnisse für die Praxis aufzubereiten.

Führungskräfte wiederum haben vielfach durch das Tagesgeschäft einen derart eng getakteten Terminkalender, dass die Zeit für Weiterbildung (und das Lesen von Fachartikeln zählt unter die Weiterbildung) kaum vorhanden ist. Punktuell wird sich aktuelles Wissen bei einer konkreten Fragestellung angeeignet, für eine Vertiefung oder kritische Reflexion fehlt häufig die Zeit. Zudem werden bei entsprechenden Herausforderungen vielfach externe Experten eingekauft, von denen dann ausgegangen wird, dass sie entsprechendes Fachwissen aufweisen.
Als weitere Herausforderung muss sicherlich die grosse Anzahl von Fachpublikationen in der wissenschaftlichen Community erwähnt werden: Es ist kaum mehr möglich, einen Überblick über ein Fachgebiet zu behalten und selbst einfache systematische Literaturreviews können leicht den Aufwand wie für eine Bachelorarbeit verursachen.

Unsere gesellschaftliche Herausforderung - den Gap schliessen

Wünschenswert wäre natürlich, wenn Forschung und Praxis wieder so nahe zueinander kommen würden, dass sie den entstandenen Gap überwinden. Allerdings befürchte ich, dass die zunehmende Spezialisierung sowohl der Forschenden wie auch der Verantwortlichen in der Praxis dazu führen wird, dass sich die Bereiche noch weiter voneinander entfernen. Hier wird resp ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten wie sie bereits in anderen Bereichen stattgefunden hat: Nachdem festgestellt wurde, dass die Kommunikation zwischen Programmierenden und den Anwender:innen in der Praxis extrem schwierig ist, wurde das neue Berufsbild der Wirtschaftsinformatiker:innen geschaffen. Deren Hauptaufgabe ist im Prinzip, die Schnittstelle zwischen Entwicklung und Anwendung zu gewährleisten.

Ich gehe davon aus, dass wir zukünftig auch für die Überwindung des Forschungs-Praxis-Gaps solche "Übersetzer:innen" benötigen. Ob dies nun im Rahmen des Berufsbildes der "Bibliothekar:innen" verstärkt geschieht oder ob jeder Wissenschaftszweig eigene Fachpersonen ausbilden wird, die dann die Ergebnisse in die Praxis bringen, kann ich noch nicht beurteilen. Dass es diese Kompetenzen zukünftig zur optimalen Verwendung der vielen Forschungsergebnisse braucht, ist für mich unbestritten.

Den Wissenstransfer gewährleisten und dadurch die eingesetzten Entwicklungsgelder optimal nutzen

Der erfolgreiche Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis stellt eine Schlüsselherausforderung für unsere Gesellschaft dar. Wir investieren enorme finanzielle, materielle und individuelle Ressourcen in die Forschung. Deren Ergebnisse müssen in der Praxis Anwendung finden können.

Während vielen Jahren habe ich den konkreten Wissenstransfer in einer nationalen NGO mit eigener Forschungsabteilung verantwortet. Und dabei viele Instrumente und Kommunikationsmittel entwickelt, um die Erkenntnisse aus der Forschung in die Gesellschaft zu bringen. Gerne unterstütze ich Sie dabei, Ihre Erkenntnisse - ob aus Forschung oder der praktischen Anwendung gewonnen - so aufzubereiten und zu kommunizieren, dass sie in der Gesellschaft Wirkung zeigen können.

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